
Mehr als Latte Macchiato: In vielen Unternehmen ist die Küche längst wichtiger als der beliebteste Konferenzraum. Zwischen Espressomaschine, Obstkorb und Bartisch entscheidet sich, wie gern Menschen wirklich ins Büro kommen
von Guido Walter
Früher war sie ein schmaler Raum mit Wasserkocher, Neonlicht und „Bitte Tassen spülen“-Zettel an der Tür. Heute rückt die Büroküche ins Zentrum der Grundrisse. Sie wird geplant, designt, fotografiert – und ist damit so etwas wie der informelle Vorstandssitzungssaal der neuen Arbeitswelt. Hier wird genetzwerkt, gegrübelt, getratscht und gelegentlich die beste Idee des Quartals aus der Kaffeetasse gefischt.
Wer genauer hinschaut, merkt: Die neue Kantine ist die Küche. Und sie ist ein ziemlich ehrlicher Ort. Denn hier zeigt sich, wie ernst ein Unternehmen sein „Wir wollen Begegnung ermöglichen“ wirklich meint.
Von der Teeküche zur Coffee-Lounge
Das Designvorbild dafür sieht man bei GRAEF Office: kein abgeschlossener Nebenraum, sondern eine offene Küchenlandschaft mit Loungecharakter. Die Fronten in tiefem Petrolgrün, der Boden in warmem Holzton, runde Kanten statt scharfer Ecken – eher Boutique-Hotel als Büroetage. Links ein Küchenblock mit integrierter Bar, Gläsern hinter Glas, Regale wie in einer schicken Espresso-Bar. Davor eine Insel, auf der Flaschen und frische Blumen stehen, als hätte gerade jemand spontan zum Aperitivo geladen. In der Mitte hohe Bartische, die genauso gut in einer Stadtbar stehen könnten. Rechts zieht sich eine lange Theke an der Wand entlang, flankiert von Hockern: perfekt für den schnellen Morgenkaffee, den Mittagssnack oder das improvisierte Eins-zu-eins. Die Botschaft ist klar: Wer hier steht, soll bleiben, reden, lachen. Die Büroküche ist kein Durchgangszimmer mehr, sondern Aufenthaltsraum. Aus der „Teeküche“ wurde eine Coffee-Lounge.

Employer Branding zwischen Espressomaschine und Obstkorb
Dass Unternehmen bewusst in solche Räume investieren, hat wenig mit Großzügigkeit und viel mit Strategie zu tun. In Zeiten von Remote-Work und Fachkräftemangel muss das Büro einen Grund liefern, warum man nicht einfach in Jogginghose zuhause bleibt.
Kaffee-Bars mit Siebträgermaschine, frisches Obst, Nüsse, gelegentlich ein gemeinsames Frühstück – das sind Benefits, die sich nicht in der Gehaltsabrechnung, wohl aber im Alltag bemerkbar machen. Sie erzählen leise Geschichten: Wir kümmern uns um euch. Wir nehmen Pausen ernst. Wir glauben daran, dass man bei einem Cappuccino bessere Ideen hat als in der vierten PowerPoint-Folie. So wird die Küche zum Employer-Branding-Ort. Das Logo auf der Tasse, die Farben der Möbel, sogar die Form der Barhocker – all das übersetzt die Identität der Firma in den Alltag. Wer Bewerber durch die Räume führt, macht nach dem Empfang längst nicht mehr zuerst beim „Konfi A“ Halt, sondern in der Küche. Dort entscheidet sich, ob sich der neue Kollege vorstellen kann, hier später ganz selbstverständlich seinen Lieblingsbecher abzustellen.
Warum sich Kultur am Küchentisch entscheidet
Während in Meetingräumen Agenda-Punkte abgehakt werden, passieren in der Küche die berühmten Zwischentöne. Hier sitzt die Praktikantin neben dem Bereichsleiter, hier erklärt die IT den Marketing-Kollegen zum dritten Mal geduldig, warum „einfach mal kurz den Server neu starten“ keine gute Idee ist. Die Hierarchien sind auf Hockerhöhe, der Dresscode heißt „wie du bist“.
Kulturell ist das ein Geschenk: Wenn Menschen verschiedener Teams und Ebenen regelmäßig zufällig aufeinandertreffen, wird Zusammenarbeit normaler, Konflikte werden früher abgefangen, Projekte entstehen, die auf keiner Roadmap standen.
Drei Küchen, drei Konzepte – und überall derselbe Effekt: Das Startup, das seine Mini-Küche in eine Espresso-Bar verwandelt hat, erlebt, dass dort morgens mehr Projektabsprachen stattfinden als in jedem Jour fixe. Der Mittelständler mit langem Community-Table merkt, dass sich plötzlich Kollegen dazusetzen, die sich seit Jahren nur aus der Mail-Signatur kannten. Und im Konzern erzählt die Corporate-Kitchen mit gebrandeten Tassen und Farbakzenten mehr über die Marke als jeder Imagefilm.
Kurz gesagt: Kultur entscheidet sich selten auf der Bühne – sie entsteht am Küchentisch.

Graef Office: Ein Wohnzimmer auf Zeit
Zurück ins Graef Office. Die Büroküche wirkt, als hätte man ein Wohnzimmer ins Büro verpflanzt und dabei alle Teile weggelassen, die an Haushalt erinnern. Keine übervollen Spülbecken, keine Zettel mit Ausrufezeichen. Stattdessen klare Linien, viel Licht und ein paar sorgfältig gesetzte Farbtupfer: die rote Lampe, das rote Notizbuch, der rote Laptop auf der Theke – wie kleine Ausrufezeichen für Aufmerksamkeit.
Pflanzen lockern den Raum auf, die hohen Tische laden zum Anlehnen ein, ohne in die „Wir setzen uns mal hin und machen ein offizielles Meeting daraus“-Falle zu tappen. Man kann fünf Minuten bleiben – oder eine halbe Stunde. Ein kurzer Austausch mit der Kollegin, ein informelles Stand-up des Projektteams, eine spontane Feedbackrunde zwischen Tür und Angel: Der Raum ist so gestaltet, dass all das selbstverständlich passiert. Genau darin liegt die Kunst der Büroküche 2.0: Sie ist gleichzeitig neutraler Boden und emotionaler Anker. Man kommt hierher, um kurz durchzuatmen – und geht mit mehr Informationen, als in jedem Newsletter stehen könnte.
Vielleicht ist die wichtigste Frage der neuen Arbeitswelt deshalb gar nicht: „Wie viele Meetingräume haben wir?“ Sondern: „Wie gut ist unsere Küche?“ In ihr entscheidet sich, ob das Büro als Pflichttermin erlebt wird – oder als Ort, an dem man Menschen trifft, Ideen teilt und sich ein bisschen zuhause fühlt.